FAZ: Rezension

Frankfurter Allgemeine Zeitung: »Der Bismarck der Osmanen«

Ein Reformer, der den Nationalstaat als drohende Gefahr sah: Der türkische Historiker Rasim Marz erinnert an den osmanischen Politiker Ali Pascha

 

von Wolfgang Günter Lerch / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. August 2016

 

In seinem Roman „Wesire und Konsuln“ schildert der bosnische Schriftsteller Ivo Andric, wie seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die westlichen Mächte begannen, das schwächelnde Osmanische Reich diplomatisch zu „durchdringen“ und politisch wie ökonomisch in den Griff zu bekommen. Das katastrophale Ende ist bekannt: Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg zerbrach das Imperium der Sultane, das sechshundert Jahre bestanden hatte; der „kranke Mann am Bosporus“ – so die berüchtigte Formulierung von Zar Nikolaus I. – war gestorben und konnte auch nicht wiederbelebt werden.
Nach Gründung der säkularen Republik unter Mustafa Kemal Atatürk im Jahr 1923 wurden die Osmanen lange Zeit systematisch diskreditiert. Geradezu teleologisch zeichnete die kemalistische Geschichtsschreibung eine Linie historischer Notwendigkeit, die aus der Agonie des Reiches nach gleichsam ehernen Geschichtsgesetzen zum türkischen Nationalismus und zu Atatürk als dem Retter der Nation – was er zweifelsohne war – führte.
Inzwischen sehen manche das differenzierter. Historiker wie Halil Inalcık, M. Şükrü Hanioğlu oder Ilber Ortaylı rücken heute das Imperium der Osmanen wieder in ein günstigeres Licht. Besonders Ortaylıs populär gewordenes Buch „Imparatorluğun en uzun yüzyıl” (Das längste Jahrhundert des Reiches) zeichnet ein vielgestaltiges Bild der osmanischen Spätzeit.
Rasim Marz, ein junger türkischer Gelehrter und dezidierter „Fan” der Osmanen, erinnert nun in seinem Werk „Ali Pascha – Europas vergessener Staatsmann” an einen türkischen Diplomaten und Politiker, der zu Lebzeiten den Respekt und die Hochachtung Metternichs, Disraelis, Palmerstons, Bismarcks, Napoleons III. und der meisten anderen europäischen Politiker, mit denen er auf gleicher Höhe verkehrte, genoss. Bei uns kennt ihn leider niemand. Manche nennen ihn den „Bismarck der Osmanen.”
Mehmed Emin Ali Pascha (1815 bis 1871) war der Sohn kleiner Leute – dies, aber nur dies hat ein gewisser Recep Tayyıp Erdoğan, der sich so sehr nach osmanischer Größe sehnt, mit ihm gemein. Sein Vater war Pförtner beim Ägyptischen Basar in Istanbul, der noch heute ein lebendiger Anziehungspunkt der Stadt ist. In der osmanischen Meritokratie konnte Ali rasch aufsteigen. Seine guten Kenntnisse im Französischen führten ihn in das großherrliche Übersetzungsbüro (Tercüme odası) an der Hohen Pforte, aus dem heraus viele führende Leute des Reiches Karriere machen konnten, vorwiegend Diplomaten. Im Schatten seines Gönners Reschid Pascha, der als eigentlicher Architekt des ersten großen Reformerlasses, des Hatt-ı Şerıf von Gülhane von 1839, gelten kann, wurde er Botschafter in London, später Außenminister. 1852 wurde er vorübergehend der jüngste Großwesir des Reiches, im alter von siebenunddreißig Jahren. Reschid und Ali Pascha wechselten einander in ihren hohen Ämtern ab und hatten mit der reaktionären Sultanspartei am Hof ihre liebe Not: ebenso mit rückwärtsgewandten Ulema, Theologiestudenten und dem einflussreichen Derwischorden der Nakşibendi.

Ali Pascha, hochgebildet und belesen in westlicher politischer Literatur, wollte das Reich umfassend modernisieren: Er prägte zusammen mit Mustafa Reschid die gesamte Ära der Tanzimât, jener von Sultan Mahmud II. eingeleiteten, von seinem Nachfolger Abdülmedschid fortgesetzten großen Reformen, die das noch immer riesige Reich an Haupt und Gliedern modernisieren sollten. Dabei war Ali Pascha durchaus ein Legitimist, der an der Herrschaft des Sultans nicht rütteln wollte. Dies unterschied ihn von den Jungen Osmanen um Namık Kemal, Ziya Pascha und Ibrahim Schinasi, welche die Konstruktion des Sultanreiches zunehmend als Despotie (istibdad) wahrnahmen und in dieser Frage eher revolutionär gesinnt waren – nach dem Vorbild der italienischen Carbonarie.

Ali Paschas größte Stunde schlug 1855/56. Nach dem für die Türkei dank des Beistandes Großbritanniens und Frankreichs siegreich verlaufenen Krim-Krieg gegen Russland leitete er die osmanische Delegation bei der Wiener Friedenskonferenz und dem Friedenskongress von Paris, bei denen die Geschicke des Reiches neu geordnet wurden. Vor allem gelang es, den unheilvollen Einfluss Russlands in den Donaufürstentümern wie auf dem Balkan ein Stück weit zu neutralisieren, durch Sicherheitsgarantieren der europäischen Mächte, insbesondere Englands. Ali Pascha verhandelte, begünstigt durch sein konziliantes, doch entschiedenes Wesen „auf Augenhöhe” mit den versammelten Diplomaten. Es gelang ihm, die osmanische Türkei als gleichwertigen und gleichgewichtigen Partner im diplomatischen Konzert der europäischen Mächte zu verankern. Nach dem Vorbild Mustafa Reschids wurde Ali Pascha im gleichen Jahr auch Verfasser des Hatt-ı Hümayun, des zweiten der Reformerlasse der Tanzimât-Zeit, in welchem insbesondere die gleichen Rechte der nichtmuslimischen Millets (religiös definierten „Nationen“ im Reich des Sultans) nochmals bekräftigt wurden. Dies war ein kardinaler Punkt, denn die „natürliche Schutzfunktion“ der westlichen, christlichen Mächte wie auch Russlands für die Christen aller Bekenntnisse im Osmanischen Reich diente diesen allzu oft als Vorwand für das Eingreifen in die inneren Angelegenheiten des Reiches.

Der Großwesir und der Sultan verstanden ihren Erlass dahingehend, dass die osmanische Türkei diskriminierende Restbestände in Bezug auf Juden und Christen endlich zu beseitigen hatte, denn viele Generationen lang hatten die Minderheiten unter dem Islam besser gelebt als anderswo. Der Autor fasst Ali Paschas Konzept wie folgt zusammen: „Die Idee des Nationalstaates, die erst die Probleme der Minderheitenfrage aufwarf, sah Ali als tödlich für den osmanischen Staat an.“ Ein säkularer Rechtsstaat unter dem Dach sultanischer Legitimität sollte die Antwort auf den revolutionären Zeitgeist sein. Nach dem allzu frühen Tod Ali Paschas 1871 stürzte das Reich in Turbulenzen, die möglicherweise unterblieben wären, wenn er seine Politik der Balance und Stabilität im Inneren wie Äußeren hätte fortsetzen können. Einige seiner Gegner aus den Reihen der Jungen Osmanen, so auch der bedeutende Dichter und Journalist Namık Kemal, gestanden dies freimütig ein und milderten nachträglich ihre Kritik an seiner legitimistischen Politik. Die unglücklichen Sultane Abdülaziz und Murad V. (er saß nur drei Monate auf dem Thron) wurden von Abdülhamid II. im Jahre 1876 abgelöst, an dessen Herrschaftsbeginn die große Katastrophe des russisch-türkischen Krieges stand. Die verheerende Niederlage bedeutete den Anfang vom Ende der Osmanen, gegen das sich der Autokrat Abdülhamid und die Jungtürken vergebens mit brutalen Mitteln auflehnten. Auch wer die Begeisterung des Autors für die osmanische Legitimität nicht teilt, wird doch in diesem Buch genügend Stoff zum Nachdenken finden: über den Nationalismus, über Minderheiten und große Persönlichkeiten.

Rezensent: Wolfgang Günter Lerch, geboren 1946, studierte Germanistik, Philosophie und Islamkunde. Er unternahm zahlreiche Reisen in den Orient und begleitete archäologische Explorationen, vor allem in die Türkei und Syrien. Von 1978 bis zu seiner Pensionierung 2012 war er als Redakteur bei der FAZ für den Bereich Nordafrika und Naher Osten zuständig.