Die Zeit: Vorwärts zu alter Größe

Mustafa Kemal Atatürk (r.) mit Ismet Inönü

DIE ZEIT: »Vorwärts zu alter Größe«

Neues Machtstreben und tief sitzende Ängste: Wie Präsident Erdoğan die historischen Fundamente der Türkei untergräbt

 

Ein Gastbeitrag von Rasim Marz / DIE ZEIT, 12. April 2017

 

Groß, so groß wie möglich, sollte die Türkei sein. Im Südosten würden Mossul und Aleppo dazugehören, im Westen Terrain, das heute griechisch ist: So stellte es sich 1920 die türkische Befreiungsbewegung unter General Mustafa Kemal Pascha vor. Drei Jahre später – nach langen Kämpfen und blutigen Vertreibungen – fiel das Staatsgebiet, festgelegt im Vertrag von Lausanne 1923, nicht gar so groß aus. Doch Mustafa Kemal, nun Atatürk (»Vater der Türken«) genannt, machte seinen Frieden mit dem Erreichten. Die Türkische Republik wurde gegründet. In ihren Grenzen ist sie seither fast unverändert geblieben. Wenn es allerdings nach Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und seiner Regierung geht, muss dies nicht so bleiben.

Seit einigen Monaten zeigen türkische Fernsehsender, Zeitungen und Internetseiten Karten, welche die Pläne von 1920 neu interpretieren. Groß, möglichst groß, soll die Türkei sein. Auf manchen Darstellungen greift sie bis nach Bulgarien und Georgien, teils sogar nach Armenien und Aserbaidschan aus; von »Gebietserweiterungen« ist die Rede. In den Augen Erdoğans ist der Lausanner Vertrag nichts als eine Bankrotterklärung der republikanischen Gründerväter. Lausanne habe nicht nur das Erbe der Osmanen, sondern auch die Ehre der Türkei beschmutzt. Vor allem einige Inseln vor der Ägäisküste erregen seinen Zorn. »Wir gaben Griechenland Inseln, die wir vom Festland aus mit einem Schrei erreichen konnten. Ist dies ein Sieg?«, fragte der Präsident kürzlich und kritisierte damit indirekt den ersten türkischen Premierminister İsmet İnönü in seiner Rolle als Delegationsführer in jenen Tagen: »Diejenigen, die an diesem Tisch saßen, haben mit diesem Vertrag falsch gehandelt. Jetzt erleiden wir seine Rückschläge.« Dem schloss sich auch die Oppositionspartei CHP von Kemal Kılıçdaroğlu an, um in populistischer Weise die Regierung noch zu übertrumpfen: »Diese Inseln gehören uns. Dort weht die griechische Flagge. Sie befinden sich im Besatzungszustand.«

Der Putschversuch vom Juli 2016, die Spannungen mit Europa infolge von Erdoğans polarisierender Politik, die Anschläge der PKK seit dem Abbruch des Friedensprozesses und der Terror des IS haben den Patriotismus in der Türkei neu entfacht. Der Vertrag von Lausanne scheint nicht mehr ins Selbstverständnis zu passen. Längst ist von der »Zweiten Republik« die Rede, von einer neuen Türkei, die in der »Erhebung des türkischen Volkes« nach dem gescheiterten Putsch ihren Gründungsmythos findet. Woher rührt dieser revisionistische Furor in Politik und Medien?

Am Anfang steht gekränkter Großmachtstolz. 1918 hat das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands den Ersten Weltkrieg verloren. Es droht eine Aufteilung durch die Siegermächte Frankreich, Großbritannien und Italien, Konstantinopel (Istanbul) ist von alliierten Truppen besetzt. Fern in Paris haben unterdessen die Friedensverhandlungen begonnen. In dieser Situation stellen sich Mustafa Kemal Pascha und seine Mitstreiter an die Spitze der Befreiungsbewegung, um die Hauptstadt wieder unter Kontrolle zu bringen und die vorrückende griechische Armee in Westanatolien zurückzuschlagen, die im Mai 1919 an der ägäischen Küste gelandet ist.

Im ganzen Land herrscht Hunger, überall sind Besatzungstruppen stationiert, die Gesellschaft ist zerrissen: Griechische Soldaten, die Massaker an Muslimen verüben, werden von den osmanischen Christen als Befreier gefeiert, wie zuvor die Briten und Franzosen. Religiöser und nationaler Hass flammt auf. Der Journalist Süleyman Nazif schreibt damals: »Die Freudenkundgebungen beim gestrigen Einmarsch des französischen Generals in unsere Stadt durch einen Teil unserer Mitbürger haben in den Herzen der Türken und Muslime eine Wunde geschlagen, aus der für alle Ewigkeit Blut fließen wird.«

Als Reaktion auf die Besatzung verabschiedet das Parlament in Istanbul im Januar 1920 den »Nationalpakt« (Misak-ı Millî), der zum Grundsatzprogramm des Befreiungskampfes wird. Der Pakt stellt eine Übereinkunft zwischen der Sultansregierung, der Hohen Pforte, im besetzten Konstantinopel und der neuen Nationalregierung unter Mustafa Kemal in Ankara dar. Unter anderem sieht er Volksabstimmungen in Westthrakien, Thessaloniki und den östlichen Provinzen sowie in den arabischen Gebieten im heutigen Syrien vor (die bis 1914 unter osmanischer Oberhoheit standen), um deren Anschluss zu erwirken. Exakte Grenzplanungen, wie türkische Medien es seit einiger Zeit suggerieren, gab es allerdings nicht.

Die Siegermächte, allen voran Großbritannien, reagieren ablehnend auf die türkischen Forderungen. Im Pariser Vorort Sèvres handeln sie 1920 einen Friedensvertrag aus, der gemäß den Vorstellungen des britischen Außenministers Lord Curzon ein für alle Mal jenes »Problem« regeln soll, »das stärker als jeder Faktor das Leben in Europa fast 500 Jahre lang beeinträchtigt hat«. Dieses Problem ist in seinen Augen das Osmanische Reich. Nach dem Vertrag von Sèvres, dem orientalischen Pendant zum Versailler Vertrag, soll von ihm nur noch das Kernland Anatoliens übrig bleiben; die arabischen Gebiete soll die Hohe Pforte abtreten. Bereits 1916 hatten sich Großbritannien und Frankreich im Sykes- PicotAbkommen über die Aufteilung des Nahen Ostens in Mandatsgebiete geeinigt.

Mustafa Kemal will dies nicht hinnehmen. Er will ganz Anatolien als »Heimstatt der Türken« sichern. Die Offiziere unter seiner Führung suchen die offene Feldschlacht. Nach drei langen Kriegsjahren schließlich zwingen sie die Alliierten ein zweites Mal an den Verhandlungstisch, diesmal im schweizerischen Lausanne, wo die europäischen Mächte und Griechenland am 24. Juli 1923 einen neuen Vertrag mit der türkischen Nationalregierung schließen. Er beendet den Krieg, legitimiert den blutigen Bevölkerungsaustausch mit Griechenland (Hunderttausende Menschen werden auf beiden Seiten vertrieben) und macht den Weg frei für die Proklamation der Republik Türkei im Oktober 1923 – in Grenzen, die deutlich weiter gefasst sind als im Vertrag von Sèvres, allerdings nicht ganz so weit wie im Nationalpakt erträumt.

Als einzigem Staat ist es der Türkei damit gelungen, den Pariser Friedensvertrag mit Gewalt zu revidieren, was nach dem Ersten Weltkrieg auch nationale Kreise in Deutschland mit Bewunderung für die Türken erfüllt. Der britische Außenminister Lord Curzon hingegen bezeichnet den Lausanner Vertrag unter anderem aufgrund der massenhaften Vertreibungen als »eine durch und durch schlechte und böse Lösung, für welche die Welt während der nächsten hundert Jahre noch eine schwere Buße wird entrichten müssen«. Wenn Erdoğan und seine Anhänger heute Lausanne verteufeln, tun sie das aus ganz anderen Gründen. Ihnen ging der Verhandlungserfolg von 1923 schlicht nicht weit genug.

Die Wiederentdeckung des Nationalpakts ist überdies nur ein historisches Thema, das in die gegenwärtige Politik der Türkei hineinwirkt. Denn die Geschichte des Konflikts mit Europa reicht noch tiefer in die Vergangenheit zurück – eine Vergangenheit, die umso näher rückt, je stärker sich die Türkei mit ihrem osmanischen Erbe identifiziert. Zunächst handelt diese Geschichte von einer Annäherung: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bescheinigten der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich und der britische Premier Lord Palmerston dem Osmanischen Reich eine Zukunft in der europäischen Gemeinschaft. »Der kranke Mann am Bosporus«, wie Zar Nikolaus I. das Reich der Sultane abfällig betitelte, begann sich damals zu modernisieren. Die sogenannten Tanzimat-Reformen brachen von den späten 1830er Jahren an mit alten Traditionen und sollten die Gesellschaft nach europäischem Vorbild umbauen. Gleichzeitig mussten die Osmanen separatistische Bewegungen bekämpfen, die von Frankreich und Russland unterstützt wurden.

Reformen und Armeekosten verschlangen indes hohe Summen, sodass das Reich in die Abhängigkeit europäischer Kredithäuser geriet. Russland versuchte, es in diesem schwachen Moment zu zerschlagen. Doch die Briten und die Franzosen sprangen den Osmanen im Krimkrieg der Jahre 1853 bis 1856 zur Seite. Auf dem Pariser Kongress schließlich, der den Krieg beendete, gelang es Großwesir Mehmed Emin Ali Pascha  (1815–1871), den Eintritt des Osmanischen Reiches in die europäische Staatengemeinschaft vertraglich zu fixieren und die Erhaltung des Imperiums zu einer gesamteuropäischen Angelegenheit zu machen.

Für viele türkische Intellektuelle ist es zutiefst enttäuschend, dass die Türkei sich seit fast 60 Jahren in der europäischen Warteschleife befindet, obwohl die europäischen Herrscher das Osmanische Reich doch bereits 1856 in Artikel VII des Pariser Vertrages in ihren Reihen aufgenommen hatten. Schon damals allerdings wurden die gegebenen Versprechen nicht eingelöst. Frankreich, Preußen und Russland demontierten den Pariser Vertrag Schritt für Schritt.

Diese Abwendung hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Türken gebrannt – auch die Nato-Mitgliedschaft seit 1952 konnte daran nichts ändern. Geradezu traumatisch wirkte der Russisch-Osmanische Krieg von 1877/78, in dem die Truppen des Zaren 15 Kilometer vor Konstantinopel standen, unterstützt von Serben, Rumänen und Montenegrinern.

Die Angst vor dem Auseinanderbrechen des Staates sitzt seither tief. Bis heute spiegelt sich dies in der Kurdenfrage wider. Die Großmachtfantasie, sich Einflusszonen im Irak und in Syrien zu sichern – legitimiert durch den Rückgriff auf den Nationalpakt von 1920 –, hat denn auch damit zu tun, dass sich den Kurden dort neue Optionen einer Staatsgründung eröffnet haben.

Nur: Wie ernst ist es Erdoğan mit seiner neoosmanischen Rhetorik? Ist sie nichts als Säbelrasseln im Wahlkampf? Oder stehen konkrete Absichten dahinter? Sowohl als auch. Der Inselstreit mit Griechenland hat hauptsächlich wirtschaftliche Gründe, da in der Ägäis unerschlossene Bodenschätze vermutet werden. In Syrien und im Irak wird die Türkei wohl mit Truppen präsent bleiben, um einen Kurdenstaat zu verhindern. Letztlich allerdings wird es von der zukünftigen Ordnung der gesamten Region abhängen, inwieweit der Lausanne- Vertrag von 1923 in Kraft bleibt. Und darüber wird die türkische Regierung nicht allein bestimmen.

Rasim Marz ist Historiker und Publizist. 2016 erschien sein Buch »Ali Pascha – Europas vergessener Staatsmann« (Frank & Timme, Berlin)