Die Zeit: Die Türkei wähnt sich wieder im Befreiungskampf

Mustafa Kemal Pascha (Atatürk), Gründer der Republik Türkei

DIE ZEIT: »Die Türkei wähnt sich wieder im Befreiungskampf«

Damals Gallipoli, heute Afrin: Aus türkischer Sicht ist der Westen erneut der Gegner. Wie die Erinnerung an das Ende des Osmanischen Reiches die Außenpolitik bestimmt.

 

Ein Gastbeitrag von Rasim Marz / DIE ZEIT 1. Mai 2018

 

Im März hat die türkische Armee die syrische Stadt Afrin von kurdischen Milizen erobert. Der Historiker und Publizist Rasim Marz ist Experte für die osmanische Geschichte und erklärt, was die jetzige Offensive mit der Vergangenheit zu tun hat:

Am Tag der Eroberung blickte der Präsident weit zurück. Das Militär hatte gerade in der syrischen Stadt Afrin die türkische Fahne gehisst, da erinnerte Recep Tayyip Erdoğan an einen anderen großen Sieg in der türkischen Geschichte: “So wie die türkische Nation Anspannung und Ehrgeiz im Kampf um Çanakkale bewegten, so gleichen sich heute die Gefühle wie einst bei diesem besonderen Ereignis, diesmal an anderen Grenzen.” Dann zitierte er den nationalistischen Dichter Yahya Kemal: “Dieser Sturm, den du siehst, ist die türkische Armee. Es ist jene Armee, die auf dem Weg Gottes ihr Leben lässt. Herr, hilf dieser Armee, denn sie ist die letzte Armee des Islams.” Das war am 18. März 2018. Exakt am 103. Jahres- und Gedenktag jener schicksalshaften Schlacht bei Çanakkale, die der Präsident beschwor. Ein Zufall der Geschichte war das nicht, sondern ein wahltaktischer Coup Erdoğans. Denn kaum ein Ereignis in der türkischen Geschichte ist so mythisch und passt so gut zur aktuellen Agenda des türkischen Präsidenten wie dieses.

Mythos Atatürk

Auf einer Halbinsel, unweit der heutigen türkischen Stadt Çanakkale entfernt, wurde eine der größten Schachten des Ersten Weltkrieges geschlagen: die Schlacht von Gallipoli. Sie entschied über Weiterbestand oder Untergang des Osmanischen Reiches. Briten und Franzosen versuchten 1915 erst mit einem erfolglosen Angriff zur See und später mit einer Invasionsstreitmacht, die Meerengen vor Konstantinopel, des heutigen Istanbuls, in ihre Gewalt zu bekommen. Das Ziel: die Hauptstadt des Sultans. Doch der vom britischen Marineminister Winston Churchill forcierte Plan endete im Desaster. An jenem 18. März 1915 verlor der britisch-französische Flottenverband drei Schlachtschiffe und über 700 Matrosen. Bis Februar 1916 fielen über hunderttausend Soldaten auf den Höhen Gallipolis. Das tot geglaubte Osmanische Reich fügte dem Britischen Empire eine der schwersten Niederlagen seiner Militärgeschichte zu. Was für den Ersten Lord der Admiralität Winston Churchill das vorläufige Karriere-Aus bedeutete, begründete zugleich den Mythos des späteren Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, der sich als Oberst bei den Gefechten auf Gallipoli auszeichnete.

An diese Erfolgsgeschichte will Erdoğan nun anknüpfen. Der jetzige Sieg über die kurdische SDF/YPG bei Afrin soll ein ebenso großer Sieg über den Westen sein, wie es die mythische Schlacht vor über 100 Jahren war. Schließlich haben die USA seit 2014 mit den kurdischen Milizen kooperiert. Und europäische Staaten hatten die Peschmerga, die Armee des kurdischen Nordirak, mit Waffen ausgerüstet, damit diese den IS bekämpfte. Später versicherte die PKK, einige dieser Waffen seien bei ihr gelandet. Die Terrororganisation PKK kämpft seit 1982 auf türkischem Gebiet gegen die Armee des Nato-Mitglieds Türkei. Dazu kamen die in diesem Januar öffentlich gewordenen Pläne der Trump-Regierung zur Syrienfrage. Diese sahen die Bildung einer kurdischen Armee unter der Führung der YPG im syrisch-türkischen Grenzgebiet vor. Dann erklärte auch noch US-General Raymond Thomas, Kommandeur der US-Spezialkräfte, auf einer Sicherheitskonferenz des renommierten Aspen-Instituts im Juli 2017, er habe der YPG, die als Schwesterorganisation der PKK gilt, geraten, sich einen neuen Namen zu geben, damit es keine Probleme mit Nato-Partnern gebe. Gemeint war die Türkei. Mittlerweile nennt die Miliz sich “Syrian Democratic Forces” (SDF). Für die Türkei war das ein Affront und ein weiterer Beleg, dass der Westen ihnen, zusammen mit den kurdischen Milizen, Böses will.

“Unsere Vorfahren wussten sehr gut, was der Kampf um Çanakkale bedeutete. Und heute, im Kampf gegen die Terrororganisationen und den hinter ihnen stehenden Großmächten, innerhalb und außerhalb unserer Grenzen, wissen wir sehr gut, welche herausragende Bedeutung dem Kampf zukommt. Die Terrorwelle gegen die Türkei ist nichts als der Versuch einer Neuauflage des Kampfes um Çanakkale!”, rief der türkische Präsident den Massen zu. Für die “neue Türkei” unter Präsident Erdoğan avancierte Afrin zum neuen Gallipoli und die SDF/YPG zur neuen Invasionsstreitmacht des Westens. Das Vertrauen der türkischen Bevölkerung in Europa und in die USA ist seither noch tiefer gesunken. Gemäß einer aktuellen Studie der Istanbul Bilgi University glauben 87 Prozent der Türken daran, dass die europäischen Staaten die Türkei spalten und aufteilen wollen. Auch hier lädt wieder die Erinnerung an das Schicksal des Osmanischen Reiches die politische Gegenwart emotional auf: 1920 zwangen die Siegermächte des Ersten Weltkrieges den Sultan zur Kapitulation und verfügten im Vertrag von Sèvres, dass das Reich große Teile seines Gebietes aufgeben sollte.

“Turkey is no more!”

Für die Siegermächte Großbritannien und Frankreich hatte die Aufteilung des Osmanischen Reiches mit seinen ölreichen Bodenschätzen in Syrien und Mesopotamien höchste Priorität. Bereits 1916 einigte man sich im Sykes-Picot-Abkommen über die territoriale Verteilung. Für die Osmanen war Sèvres der schwärzeste Tag ihrer über 600-jährigen Geschichte. “Ich bedauere, nicht längst gestorben zu sein, um den Untergang meines Vaterlandes nicht mehr miterleben zu müssen”, schrieb der 78-jährige Staatsmann Ahmed Tevfik Pascha mit zittriger Hand an seinen Sohn. Die Siegermächte wollten den Türken im Herzen Anatoliens nur eine kleine Heimstätte zubilligen, Konstantinopel und die Meerengen internationalisieren sowie vollständige Finanzhoheit durchsetzen. “Turkey is no more!”, jubelte der britische Premierminister Lloyd George nach Vertragsunterzeichnung, und Außenminister Lord Curzon fügte hinzu, dass “ein Problem geregelt wurde, das stärker als jeder andere Faktor das Leben in Europa fast 500 Jahre lang beeinträchtigt hat.” Die Schmach über den Vertrag wurde als “Sèvres-Syndrom” bekannt und hat die türkische Gesellschaft seitdem fest im Griff.

Die Erinnerungen daran und an die Schlacht von Gallipoli sind bis heute zentraler Bestandteil der türkischen Identität. Alljährlich finden landesweit Gedenkveranstaltungen statt: Militärparaden, Andachten in Moscheen, Theatervorstellungen an Schulen. Prince Charles und die Staatschefs von Irland, Kanada, Australien und Neuseeland folgten 2015 Erdoğans Einladung zur Hundertjahrfeier in die Türkei. Frankreich entsandte das politische Schwergewicht Jean-Yves Le Drian, mittlerweile Außenminister. Deutschland hingegen war lediglich mit einem Staatssekretär vertreten, zum Entsetzen der Türken. Denn die osmanische 5. Armee bei Gallipoli wurde vom deutschen Generalfeldmarschall Liman von Sanders Pascha befehligt. Für Deutschland ist diese Art der Erinnerungskultur völlig fremd. Die wilhelminische Epoche und der Erste Weltkrieg sind hauptsächlich in Büchern präsent, in der kollektiven Öffentlichkeit kommen sie kaum noch vor.

So gerät in Europa in Vergessenheit, was in der Türkei alle wissen: Dass die europäischen Großmächte wie Frankreich, Russland und Großbritannien zwischen 1856 und 1914 systematisch die Souveränität und Integrität des Osmanischen Reiches unterminierten, indem sie separatistische Bewegungen auf dem osmanischen Balkan finanziell und mit Waffen unterstützten und gleichzeitig der osmanischen Regierung versicherten, ihr bei der Erhaltung des Staates behilflich zu sein. Die Abhängigkeit von europäischen Kreditinstituten, der Separatismus auf dem Balkan sowie ungleiche Verträge brachten das Osmanische Reich an den Rand des Abgrunds. “Will man uns nicht in Europa, so sage man es geradeheraus! Wozu diese Seitenwege?”, empörte sich der osmanische Staatsmann Ali Pascha (1815–1871). “Wenn die Politik Frankreichs die Auflösung des türkischen Reiches zum Ziele hat und die übrigen Mächte sie unterstützen, bleibt uns nur übrig, uns erwürgen zu lassen, denn es ist klar, dass wir nicht dem vereinten Europa zu widersetzen die Macht haben.”

Erdoğan will der Vater einer “neuen Türkei” sein

Das war die jahrzehntelange Vorgeschichte des Vertrages von Sèvres. Europas unrühmliche Rolle in der Orientfrage der letzten 150 Jahre, mit all ihren Intrigen, Staatsstreichen und Massakern, und sein Anteil am Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, dessen Untergang alle großen Konflikte des Nahen Ostens gebar, hinterließen tiefe Wunden. Und es hinterließ die tiefe Angst vor einem aggressiven Westen, die heute wieder die türkische Sicherheitspolitik maßgeblich bestimmt. Aber was kam nach Sèvres? Mustafa Kemal Pascha. Seine Befreiungsbewegung osmanischer Offiziere zwang die Siegermächte mit Waffengewalt zurück an den Verhandlungstisch. 1923 legte der Lausanne-Vertrag das Fundament für die heutige Republik Türkei. Mustafa Kemal wurde zu Atatürk, dem Vater der Türkei. Das ist, woran Erdoğan nun anknüpfen will. So wie sich damals Atatürk gegen die westliche Übermacht und die drohende Niederlage stemmte und die türkische Republik gründete, will der heutige Präsident aus dem Widerstand gegen die beschworene westliche Bedrohung die Kraft ziehen, das Fundament seiner “neuen Türkei” zu legen. Es geht um Unabhängigkeit um jeden Preis.