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»Hagia Sophia – Ein imperiales Politikum«

Die Türkei unter Staatspräsident Erdoğan hat nach dem Urteilsspruch des obersten Verwaltungsgerichts den Weg zur Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee freigegeben. Die Reaktionen aus Griechenland, den USA, Russland und der Kirchenwelt reichten von Unverständnis bis hin zu offenen Drohungen. Dabei liegt die Entscheidung, wie eine Nation mit ihrem kulturellen Erbe umgeht allein in der Souveränität des betreffenden Staates.

Ein Gastbeitrag von Rasim Marz /

Im Jahre 537 n. Chr. wurde die neue kaiserliche Hauptkirche zur „heiligen Weisheit“ in Konstantinopel, der Hauptstadt des Oströmischen Reiches, feierlich eingeweiht. Ihr Auftraggeber war Kaiser Justinian I., einer der bedeutendsten Herrscher der Spätantike. Die Hagia Sophia selbst hat ihren Ursprung in den römischen Rundbauten der Augustuszeit und vor allem im Pantheon-Kuppelbau, von dem Oswald Spengler einst sagte, „dass der Pantheon, die früheste aller Moscheen gewesen sei.“ Über die Jahrhunderte hielt das Bauwerk Belagerungen und Naturkatstrophen stand und konnte so als größte Kirche der Christenheit zu einem Symbol von göttlicher und weltlicher Ordnung werden. Die Grundidee zum Bau der Hagia Sophia hatte bereits eine Demonstration der kaiserlichen Macht Justinians zum Ziel und war somit zu allen Zeiten ein Politikum, ummantelt von ihrer religiösen Funktion. Der Kuppelbau galt als architektonischer Ausdruck des Imperiums. Dieser Monumentalismus, der fast 1500 Jahre unübertroffen in der Welt dasteht, war Sinnbild vollendeter Imperialität. Der Philosoph Peter Sloterdijk sprach hier von einer „gebauten Offenbarung eines unüberbietbaren Weltgedankens“.

Die monumentale Kirche Justinians war mit dem Schicksal der Stadt Kaiser Konstantins untrennbar verbunden: 1204 eroberten die westlichen Kreuzfahrer unter Führung der Venezianer die Hauptstadt des reichen Byzanz, wie das Oströmische Reich abwertend im Westen genannt wurde. Über das Schicksal der Hagia Sophia berichtete der Hofbeamte Niketas Choniates: „Wie wurden die angebeteten Bilder schimpflich zu Boden geworfen! Wie wurden die Reliquien der für Christus gestorbenen Märtyrer an unheilige Orte geschleudert! Und was schauderhaft auch nur zu hören ist, man konnte das göttliche Blut und den Leib Christi verschüttet und zu Boden geworfen sehen! Sie aber nahmen die kostbaren Gefäße […] auf ihre eigenen Tische als Brotkörbe und Weinkrüge, sie, die Vorläufer des Antichristen.“ Die Bevölkerung Konstantinopels wurde von dem Kreuzfahrerheer massakriert, Gold und Silber aus den Altären und Kanzeln herausgebrochen und eingeschmolzen. „So führte man Maulesel und andere Lasttiere gesattelt bis in das Allerheiligste. Einige von diesen Tieren glitten auf dem spiegelglatten Fußboden aus, wurden mit Messern zum Aufstehen gestachelt und besudelten mit ihrem Blut und Kot das Heiligtum.“, schrieb der Chronist. Bis heute zählt dieses Ereignis zu den schwärzesten Stunden des orthodoxen Christentums.

Als zwei Jahrhunderte später, im Jahre 1453, der osmanische Sultan Mehmed II. Konstantinopel erobert, ist vom einstigen Glanz des oströmischen Imperiums kaum etwas geblieben. Von Justinians Millionenmetropole zählt Byzanz nur noch achtzigtausend Menschen. Die sichtbaren Zeugnisse von der Zerstörungswut der Kreuzfahrer waren selbst 1453 noch deutlich erkennbar und schockierten den Sultan und seinen Hofstaat. Der Wiederaufbau der römischen Hauptstadt gehörte deshalb zu den ehrgeizigen Plänen des jungen Sultans. Für die Osmanen war die Übernahme der Hagia Sophia als christliche Kirche des einen universalen Gottes und ihre Umwandlung hin zur islamischen Moschee eben jenes universalen Gottes nicht einfach nur ein bloßer Akt der Eroberung: Sultan Mehmed II. übernahm offiziell den oströmischen Kaisertitel und begab sich damit in die lange Reihe der Cäsaren des Imperium Romanum.

Die Eroberung von Konstantinopel wird heute von Vielen als die Sternstunde der Menschheitsgeschichte und als Beginn der Renaissance gesehen. Mehmed II. ist der Beweis dafür, wie ausgeprägt und tiefsitzend diese römische Ideal- und Herrschaftsvorstellung bei den Menschen jener Zeit war. Die neuen griechisch-orthodoxen Untertanen sahen im Sultan ihren Kaiser, einen Beschützer gegen den lateinischen Feind im Westen. Die Osmanen traten nicht als Erben einer untergegangenen Großmacht auf, sondern sahen sich in einer ununterbrochenen Linie von römischen Herrschern, die bei Kaiser Augustus ihren Anfang nahm. Mehmed II. setzte das römische Hofprotokoll fort und schuf eine Symbiose zwischen justinianischer Gesetzgebung und islamischer Scharia. Den Besitz der Hagia Sophia, dem absoluten Ausdruck imperialer Herrschaft, sahen die Osmanen als ihr althergebrachtes Recht an. Die Transformation von kaiserlicher Kirche zur kaiserlichen Moschee wurde schnell abgeschlossen. Die Hagia Sophia mit ihrem unerreichten Kuppelbau wurde für die darauffolgenden Jahrhunderte zum Maßstab aller Moscheen des Islams. Der osmanische Star-Architekt Mimar Sinan entwickelte die byzantinische Architektur weiter bis zur Perfektion.

Staatsgründer Atatürk, fasziniert von den Werken des US-amerikanischen Byzantinisten Thomas Whittemore, beschloss 1934 die Hagia Sophia in ein Museum umzuwandeln. Nun wurde diese Entscheidung unter dem amtierenden Staatspräsidenten Erdoğan revidiert. Dies hat auf mehreren Ebenen große Strahlkraft. Für die Mehrheit der türkischen Bevölkerung als auch für die islamische Welt wurde ein historischer Fehler korrigiert. Die Opposition arrangierte sich in der Debatte, um konservativen Wählern nicht zu missfallen. Der Oberbürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoğlu (CHP), verkündete erst vor Wochen, dass die Stadtverwaltung bei einer Auktion in London ein Porträt Mehmeds II. vom italienischen Maler Gentile Bellini aus dem Jahre 1480 erwarb und zurück in die Heimat führen werde. Die Entscheidung zur Hagia Sophia wurde von Atatürks Partei zur Kenntnis genommen, jedoch nicht weiter kommentiert.

Gleichzeitig dreht sich die Eskalationsspirale mit Griechenland mit erhöhter Geschwindigkeit, sieht sich doch der neugriechische Staat als Erbe von Byzanz. Die Entscheidung kann vielleicht als türkische Antwort auf die angekündigte Zusammenarbeit zwischen Athen und General Haftar im Libyen-Konflikt angesehen werden, in dem die Türkei aktiv beteiligt ist. Vorrangig bedient sie aber die nationalistischen Wählerschichten, um die akute Thematisierung ökonomischer und sozialer Fragestellungen in der Corona-Zeit zu meiden. Am Status des UNESCO Weltkulturerbes wird sich, sofern keine Umbaumaßnahmen stattfinden, nichts ändern. Touristen werden sich hingegen über den kostenfreien Zutritt erfreuen.
Die Hagia Sophia ist wieder zu dem Politikum geworden, das sie seit je her war. Unverändert blieb ihr Kennzeichen als Symbol der Macht.

Rasim Marz ist Historiker und Publizist für die Geschichte des Osmanischen Reiches.